Hans-Jürgen Mottschall

Modellbau

Was macht man nicht alles

 

   ... um an Pläne und Fotos seiner „Auserwählten zu kommen

 

 

Auf dem Offshore-Treffen 1998 in Gütersloh sah ich unter anderen etliche Versorger und entschloss mich, wenn meine ODEN, der Eisbrecher, fertig ist, solch ein Offshore-Schiff  zu bauen. Bekanntlich sind diese Pläne nicht so einfach zu bekommen, ich hatte jedoch das Riesenglück, den Modellbaukollegen Peter  für diese Sache gewinnen zu können. Der hat einen sehr guten Draht über einen Bekannten zur Reederei und zur Werft, und dieser Bekannte beschaffte mir dann  nach längerem Hin und Her diese Pläne unter dem Motto „Weltmeister baut für Werft “.

 

 

Irgendwann Anfang des Jahres 99 trafen die ausführlichen Pläne bei mir ein. Nachdem ich diese ausgewertet hatte, traf ich mich mit Peter, und wir legten uns auf den Maßstab 1 : 75 fest. Da erfahrungsgemäß auf Fotos die Details und die Realität besser zu erkennen sind, beschlossen wir, telefonisch bei der Reederei um ein „Rendezvous“ mit unserer „Auserwählten“ zu bitten. Wieder hatten wir Glück: Das Schiff sollte in den nächsten Tagen nach Norwegen kommen. In aller Eile bereiteten wir alles nötige vor und konnten sogar noch einen dritten Begeisterten, Jörg aus Gütersloh, gewinnen, der das Modell eines in Norwegen zur Zeit an der Ausrüstungswerft liegenden Versorgers baute. Wir drei machten wir uns am 26. März auf den Weg.

 

 

Jörg hatte es übernommen, uns zu kutschieren. Wir starteten frühmorgens bei mir, holten Peter ab und fuhren durch Dänemark zur Fähre  Hirtshals (DK) - Kristiansand (S). Am frühen Nachmittag kamen wir - leicht durchgerüttelt und -geschüttelt - an und hatten dann noch 60 km bis zur vorgebuchten Hütte vor uns. Von dort waren legten wir die noch knapp 200 km nach Stavanger am nächsten Tag zurück.  In der Nähe von Stavanger liegen die kleinen Häfen Risavika und Dusevik, die Anlandestation der STRILL-POWER, meinem Ziel dieser Fahrt! Dies Schiff gehört der Reederei Simon Møkster in Stavanger, es ist 74,90 Meter lang und 18 Meter breit. Es ist ein neuerer Versorger vom Ullstein-Typ 722,  ein Allround-Schiff mit einem Windenzug von 300 Tonnen und riesengroßen Wasserwerfern: 720 m³ pro Stunde! Das sind 200 Liter pro Sekunde, die dort durch die Rohre gefeuert werden auf Entfernungen von über 200 Metern. Das Schiff hat eine Maschine mit 14700 PS Leistung und erreicht damit eine Zugleistung (Pfahlzug) von 165 Tonnen. Immer wieder hatten wir in den letzten Tagen gehört, dass es unsicher ist, ob das Schiff am Wochenende kommt,  jetzt hieß es plötzlich, dass es in zweieinhalb Stunden anlegt! Also ganz schnell Richtung Küste, um auch Fotos vom Schiff mit hoher Fahrt zu schießen und dann ganz schnell zum Hafen zurück!

 

Endlich erscheint "mein Schiff"

Nachdem das Schiff  festgemacht hatte, gingen wir an Bord, begrüßten den Kapitän, überreichten ein Album von meinen bisherigen Hobbyarbeiten, so dass der Kapitän schon mal eine Vorstellung von meinem Vorhaben bekam. Das öffnete ihm das Herz, und er gestattete es uns, in allen Ecken und Winkeln, ob in der Maschine, an Deck oder der Brücke herumzukriechen und zu fotografieren.. Ich nutzte sofort die Zeit und das gute Wetter, schoss Fotos und Videos, war in der Mastspitze, an Deck von Bug bis Heck, an und in Aufbauten und Innenräumen und hatte dann im Laufe dieser Aktion insgesamt 430 Fotos und viele Minuten Video-Aufnahmen  „im Kasten“. Ich war begeistert! Man baut so eine ganz andere Beziehung zu seinem (noch geplanten) Modell auf, als wenn man dessen „großen Bruder“ nie zu Gesicht bekommen hätte.

Es blieb noch Zeit, im Hafen herumzustromern, hier und dort typische Ausrüstungsgegenstände zu fotografieren und sogar noch mehrere Versorger kurz zu besichtigen. Nirgends haben wir irgendwelche Probleme gehabt, diese Schiffe betreten zu dürfen, nachdem wir gefragt hatten!

 

Kl. handliche Drahtstropps im Offshore-Bereich

Eingehängtes R.O.V. im A-Frame

 Nach diesem umfangreichen und äußerst erfolgreichen Sonnabendsprogramm konnten wir am Sonntag Richtung Fitjar fahren. Fitjar ist ein ganz kleiner Hafen mit einer ganz kleine Ausrüstungswerft, und hier trafen wir auf das Schiff vom Jörg, die SCANDI STORD, ein Schiff vom Typ KMAR 404. Dieser Schiffstyp ist auch sehr neu, ist 73,60 Meter lang, 16,40 Meter breit und hat eine Maschinenleistung von 15000 PS. Da dieses Schiff gerade zur Indienstellung ausgerüstet wurde (Ausrüstung bedeutet immer Hektik an Bord!), hatten wir kaum Hoffnung, an Bord zu kommen. Wir waren deshalb sehr überrascht, dass der Werftkapitän und der Reedereikapitän dieses Schiffes sich trotzdem unwahrscheinlich viel Zeit nahmen, um uns die Besonderheiten dieses Schiffes zu erklären, was hier zur Zeit auf diesem Schiff getan wird und wann es rausgeht. Auch hier krochen wir anschließend in allen Ecken und Winkeln herum und nahmen viele, viele Details auf, so dass die fünf Stunden an Bord im Fluge vergangen waren. Man hatte uns zunächst in Aussicht gestellt, eine zweistündige Probefahrt im Fjord mitmachen zu können, doch irgendetwas verzögerte sich, es wurde später und später. Schließlich wurde die Probefahrt abgesagt, weil das Schiff am nächsten Morgen zur Übergabe an die Reederei in Bergen sein sollte. Schade, von daher nicht ganz so gelungen, aber Jörg  war riesig begeistert, auf seinem Schiff gestanden zu haben. Und auch ich, der dieses Schiff ja gar nicht bauen wollte, war schwer angetan von der Technik und vor allem dem Entgegenkommen unserer Gastgeber.

Besuch in Fitjar auf der "SCANDI STORD"

kL: "BRUCE" Anker (ca.15 t)

Der Rückweg führte uns wieder über Dusevik, wo ich noch mal einige Aufnahmen von meinem Favoriten im Abendlicht und mit Beleuchtung schoss. Um 23 Uhr waren wir endlich in unserer Hütte zurück.

Am Montag besuchten wir frühmorgens in Stavanger die Reederei Møkster und sprachen hier mit Herrn H., dem Reederei-Inspektor. Auch Herr H. hat sich uns „kleinen Modellbauern“ sehr angenommen, hat sich ausführlich mit uns unterhalten, obwohl die Telefone links und rechts von ihm klingelten, konnte uns noch mit einigen speziellen Plänen weiterhelfen, und wir durften im Büro noch einige Werftmodelle fotografieren.

Am frühen Nachmittag waren wir dann endlich in Stavanger fertig, warfen einen letzten Blick auf die Hafenbecken, fuhren dann in Richtung Kristiansand zurück und trafen im Laufe des Abends dort bei unserer Hütte ein. So rundum happy, wie wir waren, haben wir dort diese erfolgreiche Exkursion heftig begossen und mit einem Festessen abgeschlossen.

Die Rückfahrt führte uns wieder über die Fähre Kristiansand - Hirtshals, durch Dänemark - mit einem Abstecher bei strömendem Regen nach Esbjerg - , lieferten Peter im Hause ab, und ich war schließlich spätabends auch zuhause. Jörg hatte dann noch den Weg bis Gütersloh vor sich.

Die Reise war nicht ganz billig, jedoch insgesamt preiswert - seinen Preis wert. Es geht mir dabei auch nicht so sehr um die Kosten, es geht um das Erfolgserlebnis, das Gewünschte - und noch darüber hinaus - erreicht zu haben, sich mit kompetenten Fachleuten unterhalten zu können und mit seinen Freunden eine Kameradschaft zu erleben, die mit nichts aufzuwiegen ist. Es lag sicherlich daran, dass wir die gleichen Ziele hatten und bei „gleicher Wellenlänge“ mehr erreicht haben, als wir je zu hoffen gewagt haben. Ein großes Dankeschön an  Peter, der die Beziehungen angeknüpft und alles vorbereitet hat. Ohne ihn, den Mann mit dem großem Wissen im Offshore-Bereich, wäre ich niemals an diese Pläne gekommen. Ein weiteres Riesen-Dankeschön an Jörg, unseren „Taxifahrer“.